Zwei Charts, ein scheinbarer Widerspruch

Schau dir diese beiden Charts an. Beide zeigen den Dow Jones in "x6-Jahren" — also 1896, 1906, 1916, … bis 2026. Insgesamt 12 Jahre, gemittelt.

Chart 1: Der Ø-Renditeverlauf

Ø Renditeverlauf x6-Jahre DJI
Ø Renditeverlauf x6-Jahre DJI

Die lila Linie steigt stetig von 0 % auf rund +7 % bis Jahresende. Die goldene Linie zeigt 2026 — aktuell im Minus, aber das ist eine andere Geschichte.

Chart 2: Der Ø-Drawdown-Verlauf

Ø Drawdown-Verlauf x6-Jahre DJI
Ø Drawdown-Verlauf x6-Jahre DJI

Die lila Linie fällt tendenziell immer weiter ins Minus — von 0 % im Januar bis rund –6 % im Dezember.

Die naheliegende Frage: Wenn die Rendite steigt, müsste der Drawdown doch irgendwann wieder Richtung null gehen — oder?

Warum beides gleichzeitig stimmt

Die Antwort liegt in der Art, wie beide Kennzahlen berechnet werden.

Rendite misst den Kursgewinn seit Jahresbeginn. Start bei 0 %, steigt mit jedem Gewinn, fällt mit jedem Verlust. Am Jahresende zeigt sie die Gesamtperformance.

Drawdown misst den Abstand zum bisherigen Jahreshoch. Start bei 0 %, fällt bei jedem Rücksetzer. Und hier ist der entscheidende Punkt: Der Drawdown kann nur dann zurück auf null, wenn der Kurs ein neues Jahreshoch erreicht. Solange der Kurs unter seinem höchsten Stand des Jahres bleibt, bleibt der Drawdown negativ — selbst wenn die Gesamtrendite positiv ist.

Ein Beispiel: Der Dow Jones steigt von Januar bis März um 10 %. Im April fällt er um 5 %. Die Rendite steht bei +5 % (immer noch positiv). Der Drawdown steht bei –5 % (Abstand zum März-Hoch). Erst wenn der Dow Jones das März-Hoch übersteigt, geht der Drawdown zurück auf null.

Der Durchschnitts-Effekt: Warum der Ø-Drawdown immer weiter fällt

Jetzt wird es spannend. In einem einzelnen Jahr geht der Drawdown natürlich oft wieder Richtung null — nämlich immer dann, wenn ein neues Hoch erreicht wird. Das passiert in den meisten Börsenjahren mehrfach.

Aber der Chart zeigt den Durchschnitt über 12 verschiedene Jahre. Und die Crashs in diesen Jahren kommen zu völlig unterschiedlichen Zeitpunkten:

Wenn du 12 Drawdown-Verläufe übereinander legst und den Mittelwert bildest, passiert folgendes: Im Januar starten alle bei null. In den ersten Monaten fallen einige ins Minus, andere nicht. Im weiteren Jahresverlauf kommen immer neue Drawdowns dazu — in verschiedenen Jahren, zu verschiedenen Zeitpunkten. Einige Jahre erholen sich, andere nicht.

Das Ergebnis: Der Durchschnitt fällt tendenziell immer weiter, weil zu jedem Zeitpunkt mindestens ein paar Jahre in einem Drawdown stecken. Die Recoveries einzelner Jahre gleichen das nicht vollständig aus.

Noch anschaulicher: 12 Einzeljahre

Stell dir 12 Athleten vor, die einen Marathon laufen. Die durchschnittliche Geschwindigkeit (= Rendite) steigt, weil die meisten gleichmäßig laufen. Aber der durchschnittliche "Rückstand zum persönlichen Besttempo" (= Drawdown) wächst über den Tag — weil immer irgendjemand gerade einen Einbruch hat, auch wenn andere gerade Bestzeit laufen.

Die Rendite misst: "Wo stehe ich insgesamt?"

Der Drawdown misst: "Wie weit bin ich von meinem besten Punkt entfernt?"

Beides kann gleichzeitig in verschiedene Richtungen zeigen.

Was sagt uns das als Anleger?

Drei wichtige Erkenntnisse:

So findest du die Charts auf SeasonAlpha

  1. Öffne seasonalpha.ai
  2. Navigiere zu Dekadenzyklus (Sidebar)
  3. Der erste Chart zeigt den Ø-Renditeverlauf nach Endziffer
  4. Scrolle nach unten zu Drawdown & Risiko
  5. Dort findest du den Ø-Drawdown-Verlauf — mit dem aktuellen Jahr als goldene Linie

Du kannst über die Sidebar einzelne Dekaden ein- und ausblenden, den Ticker wechseln und die Rolling-Volatilität einstellen.

Weiterlesen: Die schlimmsten Crashs und ihre Recovery

Du willst wissen, wie tief es wirklich gehen kann? In unserem Artikel Drawdown verstehen: Was Crash-Jahre verraten analysieren wir die 10 schlimmsten Drawdowns in 130 Jahren Dow Jones — inklusive der Recovery-Zeiten (Spoiler: 1929 brauchte 25 Jahre).

Fazit

Steigende Rendite und fallender Drawdown sind kein Widerspruch — sie messen zwei verschiedene Dinge. Die Rendite sagt: "So viel hast du verdient." Der Drawdown sagt: "So weit warst du zwischenzeitlich im Minus." Beide zusammen geben dir das vollständige Bild.

Auf seasonalpha.ai kannst du Rendite und Drawdown für über 500 Assets vergleichen — mit 130 Jahren Historie für den Dow Jones.

Häufige Fragen

Kann der Drawdown positiv werden?

Nein. Der Drawdown ist per Definition null (wenn der Kurs auf einem neuen Hoch steht) oder negativ. Ein positiver Drawdown existiert nicht — das wäre einfach ein neues Hoch.

Warum fällt der Ø-Drawdown im Jahresverlauf immer weiter?

Weil der Durchschnitt über viele Jahre gebildet wird. In jedem einzelnen Jahr gibt es Recoveries. Aber verschiedene Jahre haben ihre Tiefs zu verschiedenen Zeitpunkten. Gemittelt überlagern sich diese Verlustphasen — und der Durchschnitt fällt tendenziell.

Ist ein tiefer Drawdown immer schlecht?

Nicht unbedingt. Ein tiefer Drawdown mit schneller Recovery (wie 2020: –37 %, aber 7 Monate Recovery) ist besser als ein moderater Drawdown ohne Erholung. Entscheidend ist die Kombination aus Tiefe und Dauer.

Wie nutze ich Drawdown und Rendite zusammen?

Vergleiche beide Charts nebeneinander — genau wie in diesem Artikel. Wenn die Rendite steigt und der Drawdown flach bleibt, ist das ein Zeichen für einen stabilen Aufwärtstrend. Wenn die Rendite stagniert und der Drawdown sich vertieft, wird es riskant.