Warum steigt der Markt so oft in der Woche vor dem Optionsverfall?

Wer die Saisonalität des S&P 500 kennt, sieht das Muster immer wieder: In der Woche vor dem dritten Freitag im Monat driftet der Markt tendenziell nach oben. Dealer Positioning liefert die Erklärung, die reine Kalender-Statistik nicht geben kann — den Mechanismus hinter dem Muster.

Genau darum geht es in unserem neuen Feature. Wir berechnen, wie Optionshändler (die „Dealer" oder Market Maker) positioniert sind — über die Kennzahlen Gamma, Vanna und Charm. Und wir verheiraten das mit unserem börsengenauen Saisonkalender. Aus „der Markt steigt oft vor OPEX" wird „der Markt steigt vor OPEX, weil Dealer ihre Absicherungen zurückkaufen müssen".

Was ist Dealer Positioning überhaupt?

Wenn du eine Option kaufst, verkauft sie dir jemand — meist ein Market Maker. Dieser Dealer will kein Marktrisiko tragen, sondern nur an der Geld-Brief-Spanne verdienen. Also sichert er seine Position im Basiswert ab (Delta-Hedging). Kauft der Markt viele Calls, muss der Dealer Aktien kaufen; kauft der Markt Puts, verkauft er Aktien.

Das Entscheidende: Diese Absicherung ist nicht statisch. Sie ändert sich, wenn der Kurs sich bewegt, wenn die Volatilität schwankt und wenn Zeit vergeht. Genau diese Veränderungsraten messen die drei „Griechen":

Weil Dealer sehr groß sind, werden ihre gebündelten Hedging-Ströme selbst zu einer Marktkraft. Dealer Positioning macht diese Kraft sichtbar.

Der Markt-Gamma-Index: dämpfend oder verstärkend?

Die wichtigste Kennzahl ist der aggregierte Netto-Gamma-Wert aller offenen Optionen — bei uns der Markt-Gamma-Index (net-GEX). Sein Vorzeichen entscheidet über das gesamte Marktverhalten:

Der Kipppunkt zwischen beiden Regimen heißt Zero-Gamma-Flip: der Kursstand, an dem das Netto-Gamma sein Vorzeichen wechselt. Liegt der Spot nahe am Flip, kann das Regime jederzeit kippen — ein wichtiges Warnsignal für erhöhte Fragilität.

Diese Zwei-Regime-Logik ist keine Erfindung von uns. Der Praktiker-Begriff „GEX" stammt aus einem Branchen-White-Paper (2016). Wissenschaftlich untermauert wird das Vorzeichen-Regime durch die Arbeit „Gamma Fragility" von Barbon & Buraschi (2021): Sie zeigen, dass aggregierte Dealer-Gamma-Ungleichgewichte Intraday-Momentum (bei negativem Gamma) beziehungsweise Reversal (bei positivem Gamma) erklären — und dass der Effekt in illiquiden Phasen am stärksten ist.

Call-Wall, Put-Wall und der stärkste Pin

Aus dem Gamma je Ausübungspreis lassen sich markante Referenzstrikes ableiten:

Wichtig, und das betonen wir bewusst: Diese Walls sind Referenzen, keine Barrieren. Es gibt keine Garantie, dass der Kurs an ihnen dreht. Sie zeigen nur, wo die Hedging-Aktivität am dichtesten ist.

Die Idee, dass Kurse zu großen Strikes gezogen werden (Pinning), ist eine der am besten belegten Beobachtungen der Marktmikrostruktur. Ni, Pearson & Poteshman (2005, Journal of Financial Economics) zeigten, dass Schlusskurse optionierter Aktien am Verfallstag an den Strike-Preisen clustern — im Schnitt eine Verschiebung von rund 16,5 Basispunkten, aggregiert über etwa 9 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung. Golez & Jackwerth (2012, JFE) erweiterten diesen Pinning-Befund auf den S&P-500-Future — also genau die Index-Ebene, auf der unsere SPY- und QQQ-Walls arbeiten.

Vanna und Charm: der Motor der Pre-OPEX-Drift

Hier schließt sich der Kreis zur Saisonalität. Vanna und Charm erklären, warum der Markt vor dem großen Monatsverfall so oft nach oben driftet.

Der typische Mechanismus: Anleger und Institutionelle kaufen Index-Puts als Absicherung, Dealer sind also netto short Puts. Passiert nun zweierlei:

Beide Kräfte zwingen die Dealer in denselben Tagen zu Käufen — ein mechanischer Aufwärts-Bid in den dritten Freitag hinein, der sich oft Donnerstag/Freitag beschleunigt. Nach dem Verfall verschwindet diese stabilisierende Positionierung, das Hedge-Polster fällt weg — und der Markt wird richtungsoffener und volatiler (die berüchtigte Post-OPEX-Vola).

Auch dafür gibt es harte Belege. Baltussen, Terstegge & Whelan (2024) dokumentieren einen „Third Friday Price Spike": Über 2003–2021 lag der Eröffnungswert am dritten Freitag im Schnitt 18,5 Basispunkte über dem Vortagsschluss (t-Statistik über 4,5), der Effekt ist charm-getrieben und an Triple-Witching-Tagen am stärksten. Der geschätzte Vermögenstransfer allein im SPX: rund 4 Milliarden Dollar pro Jahr.

Eine ergänzende Kennzahl ist der Skew — die Differenz zwischen der impliziten Volatilität eines aus dem Geld liegenden Puts (90 %) und der eines aus dem Geld liegenden Calls (110 %). Ein steiler Put-Skew signalisiert erhöhte Absicherungsnachfrage und ist ein Baustein der Vanna-Flows.

Der SeasonAlpha-Winkel: Saisonalität trifft Dealer-Flows

Es gibt viele Gamma-Anbieter, und es gibt viele Saisonalitäts-Seiten. Aber niemand verheiratet beide. Genau hier liegt unser Alleinstellungsmerkmal.

GEX-Anbieter zeigen den Flow im Jetzt. Saisonalitäts-Seiten zeigen das Kalendermuster im Mittel. SeasonAlpha besitzt beides — plus einen börsengenauen Kalender für OPEX, Triple Witching, VIXpiration und den Handelstag-im-Monat (TDOM). Damit können wir sagen, warum ein saisonales Muster existiert, statt es nur zu zeigen.

SPY — Gamma-Exposure je Strike: grün = Dealer stabilisieren (Support), rot = destabilisierend
SPY — Gamma-Exposure je Strike: grün = Dealer stabilisieren (Support), rot = destabilisierend

Der Chart zeigt die Gamma-Exposure des SPY je Strike — genau das, was unsere Dealer-Positioning-Seite täglich rechnet. Grüne Balken markieren Strikes, an denen die Dealer-Absicherung stabilisierend wirkt (der Kurs wird angezogen), rote wirken destabilisierend. Wo der Kalender monatliche Verfallstermine markiert, liefern Gamma, Charm und Vanna die mechanische Erklärung für die wiederkehrende Pre-OPEX-Drift — und für die Vola-Spitzen danach.

Aus „Muster" wird so „Mechanismus". Für Privatanleger heißt das: Du siehst nicht nur dass eine Phase statistisch auffällig ist, sondern verstehst die strukturelle Ursache dahinter — und kannst besser einordnen, wann ein Muster tragfähig ist und wann Makro-Ereignisse es überlagern.

Ehrlichkeit zuerst: was unsere Zahlen sind — und was nicht

Dealer Positioning ist ein YMYL-Thema (Your Money or Your Life). Deshalb sind wir hier bewusst transparent, statt Präzision vorzutäuschen:

Diese Grenzen sind kein Makel, sondern Teil der Methode. Wer Dealer Positioning ernst nimmt, muss wissen, wie belastbar die Datenbasis ist.

So nutzt du das Feature

Das neue Feature findest du auf der Seite Dealer Positioning. Dort siehst du für die wichtigsten US-Basiswerte (SPY, QQQ und große Einzeltitel) den Markt-Gamma-Index, den Zero-Gamma-Flip, die Call- und Put-Walls sowie das Vanna-/Charm-Bild.

Am meisten Wert entsteht in Kombination mit dem Kalender: Schau dir das Dealer-Bild in der Woche vor dem Optionsverfall an, und wirf einen Blick auf die VIXpiration, um den Vola-Zyklus einzuordnen. So verbindest du das saisonale Muster mit dem Mechanismus, der es antreibt.

Ein Hinweis zur Interpretation: Einzelaktien-Gamma ist deutlich verrauschter als Index-Gamma, weil Dealer dort weniger dominant sind. Für belastbare Aussagen sind die großen Index-ETFs (SPY, QQQ) der beste Ausgangspunkt.

Fazit

Dealer Positioning ist kein Kristallkugel-Tool, sondern eine Erklär-Ebene. Gamma sagt, ob Dealer Bewegungen dämpfen oder verstärken. Vanna und Charm erklären die mechanische Aufwärtsdrift in den Optionsverfall und die Vola danach. Und die Walls markieren, wo Hedging-Aktivität am dichtesten ist.

Der eigentliche Mehrwert entsteht, wenn du diese Mechanik mit unserem Saisonkalender kombinierst — dann wird aus einem statistischen Muster ein verstandener Zusammenhang. Probiere es auf seasonalpha.ai/dealer-positioning selbst aus.

Häufige Fragen

Was bedeutet positives und negatives Gamma?

Positives Netto-Gamma (long Gamma) bedeutet, dass Dealer Marktbewegungen dämpfen — sie verkaufen in Stärke und kaufen in Schwäche. Der Markt neigt zu enger Spanne. Negatives Gamma (short Gamma) bedeutet das Gegenteil: Dealer verstärken Bewegungen, die Volatilität steigt.

Sind Call-Wall und Put-Wall feste Kurs-Barrieren?

Nein. Es sind Referenz-Strikes mit der höchsten Hedging-Aktivität, an denen Kurse häufiger reagieren. Sie sind aber keine Garantie und kein Handelssignal — starke Nachrichten oder Makro-Ereignisse überlagern das Bild jederzeit.

Warum steigt der Markt oft vor dem Optionsverfall?

Weil Dealer, die netto short Puts sind, durch Zeitverfall (Charm) und fallende Volatilität (Vanna) ihre Short-Absicherungen zurückkaufen müssen. Das erzeugt einen mechanischen Kaufdruck in den dritten Freitag hinein. Studien wie Baltussen et al. (2024) belegen den Effekt mit rund 18,5 Basispunkten.

Sind eure Zahlen dieselben wie bei kommerziellen Anbietern?

Nein. Wir nutzen eine naive Dealer-Heuristik auf EOD-Daten, keine proprietären Inventory-Modelle mit Intraday- und 0DTE-Flows. Unsere Werte sind eine belastbare Näherung für das Gesamtbild, weichen aber im Detail ab.