Am dritten Freitag ist etwas anders

Der OPEX-Effekt am S&P 500 gehört zu den am besten dokumentierten Mikrostruktur-Mustern der Wall Street — und zu den am meisten missverstandenen. Die zentrale Zahl kommt aus einer akademischen Studie: Über die Jahre 2003 bis 2021 eröffnete der US-Aktienmarkt am dritten Freitag eines Monats im Schnitt 18,5 Basispunkte über dem Vortagsschluss (Baltussen, Terstegge & Whelan, 2024). Statistisch ist das hochsignifikant (t-Wert über 4,5) — kein Zufallsrauschen.

18,5 Basispunkte klingen nach wenig. Hochgerechnet auf das im S&P-500-Optionsmarkt umgesetzte Volumen entspricht das laut den Autoren einem Vermögenstransfer von rund 4 Milliarden Dollar pro Jahr — allein im SPX. Der dritte Freitag ist damit kein x-beliebiger Handelstag, sondern strukturell auffällig. In diesem Artikel zeigen wir, woher der Effekt kommt, wie belastbar er ist — und wo unsere eigenen Daten an ihre Grenze stoßen.

Was am Verfallstag wirklich passiert

„Optionsverfall" oder OPEX (von option expiration) bezeichnet den Tag, an dem börsengehandelte Optionen und Futures fällig werden. In den USA ist das für die großen Index-Kontrakte der dritte Freitag eines Monats. Viermal im Jahr — im März, Juni, September und Dezember — verfallen Index-Optionen, Index-Futures und Aktienoptionen gleichzeitig. Diesen Großverfall nennt man Triple Witching (großer Verfallstag).

Ein technisches Detail ist der Schlüssel zum ganzen Effekt: Die US-Index-Derivate werden nicht zum Freitags-Schluss abgerechnet, sondern zur Eröffnung — über die sogenannte Special Opening Quotation (SOQ). Das ist ein am Freitagmorgen aus den Eröffnungskursen aller Indexmitglieder errechneter Settlement-Wert.

Genau in diesem dünnen Zeitfenster — Donnerstagabend-Schluss bis Freitagmorgen-Eröffnung — entsteht der Sprung. Baltussen und Kollegen beschreiben eine zeltförmige Bewegung (englisch tent-shaped): Der Kurs zieht vom Donnerstagsschluss zur Freitagseröffnung an, erreicht rund um die SOQ seinen Hochpunkt und läuft bis zum Freitagmittag teilweise wieder zurück. Der Effekt ist an Triple-Witching-Terminen am stärksten, weil dann das größte Volumen an offenen Kontrakten fällig wird.

Die Daten: eine seit 2003 messbare Verzerrung

Der Befund ist kein Einzelfall. Er reiht sich in eine ganze Linie peer-reviewter Forschung ein, die zeigt, dass der Options-Verfall die Kurse der Basiswerte messbar bewegt.

Drei unabhängige Arbeiten, zwei davon in einem der drei wichtigsten Finanzjournale der Welt. Der gemeinsame Nenner: Der Optionsverfall ist kein neutrales Ereignis. Die Absicherungsströme der Optionshändler hinterlassen eine kleine, aber systematische Spur im Kurs.

Der Mechanismus: Charm und Vanna zwingen zum Kauf

Warum eröffnet der Markt am dritten Freitag höher? Die Erklärung liegt nicht in der Stimmung der Anleger, sondern in der Mechanik der Dealer — der Market Maker, die Optionen verkaufen und ihr Risiko im Basiswert absichern.

Der typische Ausgangspunkt: Fonds und institutionelle Anleger kaufen Index-Puts als Versicherung gegen fallende Kurse. Die Dealer stehen damit auf der Gegenseite — sie sind netto short Puts und sichern sich ab, indem sie Aktien oder Futures leerverkaufen. Diese Short-Absicherung ist aber nicht statisch. Zwei „Griechen" lassen sie in den Verfall hinein schrumpfen:

Beide Kräfte wirken in dieselbe Richtung und in denselben Tagen: ein mechanischer Kaufdruck in den dritten Freitag hinein. Baltussen und Kollegen führen den Spike explizit auf dieses charm-getriebene Inventory-Management der Market Maker zurück — verstärkt durch die dünne Liquidität im Overnight-Fenster. Das ist die kausale Ebene, die reine Kalender-Statistik nicht liefern kann. Wer den Mechanismus im Detail nachlesen will, findet ihn in unserem Beitrag Dealer Positioning erklärt.

Was unsere Daten zeigen — und was nicht

Hier kommt die ehrliche Einordnung, die dieses Thema (Your Money or Your Life) verlangt. Der 18,5-bps-Effekt ist ein Overnight- beziehungsweise Eröffnungs-Sprung: gemessen vom Donnerstagsschluss zur Freitags-Eröffnung. SeasonAlpha rechnet mit normalisierten Tagesschlusskursen (Close-zu-Close, jedes Jahr auf 100 normiert). Damit lässt sich der Overnight-Sprung nicht eins zu eins nachbauen — dafür bräuchte man saubere Eröffnungskurse und Intraday-Daten. Wir zeigen den saisonalen Rahmen und die Wochendrift, nicht den SOQ-Sprung selbst.

Was wir zeigen können, ist die Freitags-Dimension des Effekts. Der folgende Chart zeigt die durchschnittliche Tagesrendite des SPY je Wochentag über 20 Jahre:

Der Balken für den Freitag ist ein Close-zu-Close-Mittel über alle Freitage — er isoliert also nicht den dritten Freitag und erst recht nicht den Eröffnungs-Sprung. Er ordnet nur ein, wie sich der Wochentag insgesamt verhält, an dem die SOQ stattfindet. Genau diese Trennung — was wir messen können und was nicht — ist der Kern seriöser Datenarbeit.

Was den Verfall mechanisch antreibt, zeigt die Vanna-Exposure je Verfallstermin. Vanna misst, wie sich die Dealer-Absicherung mit der impliziten Volatilität verschiebt — fällt die Vola in den Verfall hinein, kaufen short-Vanna-Dealer Basiswert nach und stützen den Kurs:

SPY — Vanna-Exposure je Verfall: vola-getriebene Dealer-Flows in die Optionsverfalle
SPY — Vanna-Exposure je Verfall: vola-getriebene Dealer-Flows in die Optionsverfalle

Jeder Balken steht für einen Verfallstermin; die Höhe zeigt, wie stark die Dealer-Absicherung dort auf Vola-Änderungen reagiert. Genau diese Vanna- und Charm-Flows sind der plausibelste Treiber hinter der ruhigen Aufwärtsdrift in die OPEX-Woche — der Kalender markiert die Termine, der Mechanismus erklärt sie.

Grenzen und Gegenbeispiele: kein Freifahrtschein

Ein ehrlicher Data-Study-Artikel muss auch zeigen, wo das Muster kippt.

Der Effekt hat sich abgeschwächt. Die Baltussen-Studie deckt 2003 bis 2021 ab. In den letzten rund vier Jahren ist die OPEX-Woche-Outperformance schwächer geworden — je bekannter ein Muster, desto eher wird es weggehandelt. Ein historischer Durchschnitt ist keine Prognose für den nächsten Freitag.

Nach dem Verfall dreht das Bild oft. Das Praktiker-White-Paper von Ambrus Capital / Kris Sidial („Changing Market Structure") zeigt in seiner Figur 7 das Gegenteil der Aufwärtsdrift: Eine Strategie, die den S&P nur im OpEx-Fenster kauft, verlor über drei Jahre rund 15 Prozent. Sobald das Hedge-Polster nach dem Verfall wegfällt, wird der Markt richtungsoffener und volatiler — die berüchtigte Post-OPEX-Schwäche. Die Drift in den Verfall und die Schwäche danach sind zwei Seiten derselben Mechanik.

Es ist ein Overnight-Effekt. Für einen Privatanleger mit Tagesorders ist der 18,5-bps-SOQ-Sprung praktisch nicht handelbar — er entsteht in einem illiquiden Fenster außerhalb der regulären Handelszeit. Der Wert dieser Erkenntnis liegt im Verständnis, nicht im Klick auf „Kaufen".

Kein Signal, keine Anlageberatung. Der OPEX-Effekt ist struktureller Kontext, kein Handelssignal. Makro-Ereignisse — eine Fed-Sitzung, ein Inflationswert, geopolitische Nachrichten — überlagern das dünne Muster jederzeit.

Der SeasonAlpha-Winkel: Saisonalität trifft Dealer-Flows

Es gibt viele Gamma-Anbieter, und es gibt viele Saisonalitäts-Seiten. Kaum jemand verheiratet beide. Genau hier liegt unser Alleinstellungsmerkmal.

Reine Saisonalitäts-Seiten zeigen das Kalendermuster im Mittel — dass der dritte Freitag auffällt. Reine Options-Anbieter zeigen den Dealer-Flow im Jetzt — wie die Absicherung gerade steht. SeasonAlpha besitzt beides: einen börsengenauen Kalender für OPEX, Triple Witching und VIXpiration auf der Seite Optionsverfall, plus die Gamma-, Vanna- und Charm-Kennzahlen auf Dealer Positioning. Damit können wir sagen, warum ein saisonales Muster existiert, statt es nur zu zeigen.

Für den Anleger heißt das: Du siehst nicht nur, dass eine Phase statistisch auffällig ist, sondern verstehst die strukturelle Ursache — und kannst besser einordnen, wann ein Muster tragfähig ist und wann es überlagert wird.

Fazit

Der OPEX-Effekt am S&P 500 ist real und akademisch belegt: +18,5 Basispunkte am dritten Freitag über 18 Jahre, hochsignifikant, charm-getrieben. Er entsteht, weil Market Maker ihre Short-Absicherungen durch Zeitverfall und fallende Volatilität in den Verfall hinein zurückkaufen müssen.

Aber die Kernzahl ist ein Overnight-Sprung, kein Close-zu-Close-Trade — und der Effekt hat sich zuletzt abgeschwächt. Der eigentliche Mehrwert liegt im Verständnis des Mechanismus, nicht in einem simplen Kaufsignal. Erkunde den Optionsverfall-Kalender und das Dealer Positioning selbst auf seasonalpha.ai — und sieh, wie Kalender und Dealer-Flows zusammenspielen.

Häufige Fragen

Was ist der OPEX-Effekt am S&P 500?

Der OPEX-Effekt beschreibt eine systematische Kursverzerrung rund um den Options-Verfallstag (den dritten Freitag im Monat). Laut Baltussen, Terstegge & Whelan (2024) eröffnete der US-Markt an diesen Tagen im Schnitt 18,5 Basispunkte über dem Vortagsschluss — hochsignifikant über den Zeitraum 2003 bis 2021. Ausgelöst wird er durch das Absicherungsverhalten der Market Maker.

Warum steigt der Markt oft vor dem Optionsverfall?

Weil Dealer, die netto short Puts sind, ihre Short-Absicherung in den Verfall hinein zurückkaufen müssen. Zeitverfall (Charm) und fallende Volatilität (Vanna) lassen das Delta ihrer Puts schrumpfen — beides zwingt sie in denselben Tagen zu Käufen. Dieser mechanische Kaufdruck erzeugt die Aufwärtsdrift in den dritten Freitag.

Kann ich den Third-Friday-Spike selbst handeln?

Praktisch kaum. Der 18,5-bps-Effekt ist ein Overnight-Sprung vom Donnerstagsschluss zur Freitagseröffnung, gemessen an der Special Opening Quotation — in einem dünn gehandelten Fenster außerhalb der regulären Zeit. Mit gewöhnlichen Tagesorders ist er nicht abschöpfbar. Es ist struktureller Kontext, kein Handelssignal und keine Anlageberatung.

Warum kann SeasonAlpha den 18,5-bps-Sprung nicht exakt nachrechnen?

Weil wir mit normalisierten Tagesschlusskursen arbeiten (Close-zu-Close). Der Effekt ist aber ein Eröffnungs-Sprung, der saubere Open- und Intraday-Daten voraussetzt. Wir zeigen daher den saisonalen Rahmen und die Wochendrift, nicht den Overnight-Sprung selbst — und benennen diese Grenze bewusst, statt Präzision vorzutäuschen.

Ist der Effekt an Triple-Witching-Tagen stärker?

Ja. An den vier großen Verfallstagen im März, Juni, September und Dezember verfallen Index-Optionen, Index-Futures und Aktienoptionen gleichzeitig. Das größte Volumen an offenen Kontrakten wird fällig, entsprechend stärker sind die Hedging-Ströme — Baltussen et al. (2024) messen den Spike an diesen Tagen am deutlichsten.