Ein scheinbarer Widerspruch

Du öffnest den Jahreszyklus für SAP und siehst auf den ersten Blick zwei widersprüchliche Dinge:

Anomalie-Radar für SAP: Score 24/100 Normal, aber der Jahresverlauf 2026 liegt dramatisch unter dem 11-Jahres-Schnitt
Anomalie-Radar für SAP: Score 24/100 Normal, aber der Jahresverlauf 2026 liegt dramatisch unter dem 11-Jahres-Schnitt

Oben: Der Anomalie-Radar zeigt einen Score von 24 / 100Normal. Alles in Butter.

Unten: Der Saisonale Jahresverlauf zeigt, dass SAP (goldene Linie) 2026 rund 28 Prozent unter dem 11-Jahres-Schnitt liegt. Statt ~110 Punkten steht der Kurs bei ~72. Das sieht optisch wie ein Crash aus.

Wie passt das zusammen? Die Antwort ist die wichtigste Erkenntnis über den Anomalie-Radar: Er misst nicht das, was du in diesem Chart siehst.

Was der Anomalie-Radar wirklich misst

Der Radar beantwortet eine sehr spezifische Frage:

„Ist die Rendite der letzten 10 Handelstage ungewöhnlich im Vergleich zum historischen Schnitt zur gleichen Kalenderzeit?"

Drei Schlüsselwörter sind entscheidend:

Der riesige Drawdown, den du im unteren Chart siehst, ist zum größten Teil in Januar–März 2026 passiert. Das war damals brutal — aber der Anomalie-Radar fragt nicht nach damals. Er fragt: Was ist in den letzten zwei Wochen los? Und die Antwort lautet: nichts besonders Dramatisches.

Die Rechnung im Detail

Schauen wir die Zahlen aus dem Screenshot an:

KennzahlWert
10d-Rendite SAP (Ende März bis Anfang April 2026)−0,89 %
Historisch Ø (Anfang April, 11 Jahre)+2,36 %
Differenz−3,25 Prozentpunkte
Score24 / 100
Perzentil-Rang18. Perzentil

SAP liegt in den letzten 10 Tagen 3,25 Prozentpunkte unter dem historischen Schnitt zur gleichen Kalenderzeit. Das klingt viel, ist es aber statistisch nicht — und hier kommt der Z-Score ins Spiel.

Z-Score-Berechnung (vereinfacht):

`

Z = (aktuelle Rendite − historischer Schnitt) / historische Standardabweichung

`

Wenn die historische Streuung der 10d-Returns Anfang April bei SAP zum Beispiel bei ±4 Prozentpunkten liegt, dann ist eine Abweichung von 3,25 PP nur etwa 0,8 Standardabweichungen — also kein statistischer Ausreißer. Der Score skaliert den Betrag des Z-Scores mit Faktor 30 und deckelt bei 100:

`

Score = min(|Z| × 30, 100) = min(0,8 × 30, 100) = 24

`

24 heißt: keine Anomalie. Der Markt bewegt sich innerhalb des historisch normalen Rauschens.

Warum der Perzentil-Rang trotzdem interessant ist

Der Score sagt „Normal". Der Perzentil-Rang sagt 18. Perzentil. Das ist der Slider im Screenshot, der deutlich nach links zeigt — im gelben Randbereich, nicht mehr im grünen Normalbereich.

Was bedeutet 18. Perzentil?

Von allen historischen 10-Tages-Fenstern, die Anfang April bei SAP gemessen wurden, waren nur 18 Prozent schlechter als die aktuelle Rendite. 82 Prozent waren besser.

Das ist eine komplementäre Sicht zum Score:

Beide können unterschiedliche Signale geben. In diesem Fall:

Diese Kombination ist genau das, was wir zeigen wollen: Der Markt läuft schwächer als normal, aber nicht so schwach, dass es ein statistischer Ausreißer wäre. Beides stimmt gleichzeitig.

Farbcodierung Perzentil-Slider:

PerzentilFarbeBedeutung
20 – 80grünNormal — im „mittleren Band"
10 – 20 oder 80 – 90goldRandbereich — auffällig
< 10 oder > 90rotExtrem — statistisch selten

SAP mit 18. Perzentil liegt knapp im gold-Bereich. Ein Wert von 5 oder 95 wäre rot — dann würde es wirklich krachen.

Und der riesige Drawdown im Chart?

Der Jahresverlauf-Chart zeigt einen anderen Zeithorizont und eine andere Frage:

SAP hatte im Januar und Februar eine heftige Korrektur — die sieht man im Verlauf sofort. Im März und April hat sich der Kurs allerdings stabilisiert. Er macht jetzt wieder Tagesbewegungen, die im historisch üblichen Rahmen liegen. Der Anomalie-Radar bestätigt genau das: „Der Crash ist vorbei, die aktuelle Bewegung ist unauffällig."

Das ist eine wichtige Info! Wer den Chart sieht und denkt „der fällt weiter", wird durch den Radar daran erinnert: Die letzten zwei Wochen waren kein Crash, sondern Seitwärts-Rauschen. Mit einer moderaten Unterperformance, aber nichts Dramatisches.

Wann sollte der Score hoch sein?

Der Anomalie-Score springt auf ≥70 (Stark anomal) wenn:

Der Score ist kein Bullish/Bearish-Signal. Er sagt nur: „Etwas Ungewöhnliches passiert, schau genauer hin." Die Richtung (nach oben oder unten) steht in den anderen Kacheln (10d-Rendite).

Score-Schwellen im Überblick

ScoreLabelDeutung
< 40NormalIm historischen Rauschen
40 – 69Leicht anomalAuffällig, beobachten
≥ 70Stark anomalStatistischer Ausreißer, genauer hinschauen

Wofür benutze ich den Radar konkret?

Drei praktische Use-Cases:

  1. Trade-Filter: Bevor du einen saisonalen Trade eingehst (z. B. Sell in May, Turn-of-Month), prüfe den Score. Bei ≥70 wartest du lieber — der Markt ist gerade in einem ungewöhnlichen Zustand, saisonale Muster könnten in dieser Woche weniger zuverlässig sein.
  2. Post-Mortem-Check: Nach einer heftigen Marktbewegung: War das wirklich ein Ausreißer, oder nur Alltag? Der Perzentil-Rang und der Score geben dir eine nüchterne Einordnung.
  3. Kontext für den Chart: Wenn dir ein Chart visuell dramatisch erscheint, prüf den Radar. Wie bei SAP hier — 28 % im Minus sieht dramatisch aus, aber die letzten Tage sind ruhig. Das ist eine andere Story.

Fazit: Zwei verschiedene Fragen, zwei verschiedene Antworten

Der Anomalie-Radar und der saisonale Jahresverlauf messen unterschiedliche Dinge:

Bei SAP im Screenshot:

Beides ist wahr. Beides ist nützlich. Die Kunst besteht darin, die richtige Frage zur richtigen Zeit zu stellen — und der Anomalie-Radar beantwortet eine sehr spezifische.

Wenn du selbst damit experimentieren willst: Der Radar ist auf dem Jahreszyklus, Monatszyklus, TDoM-Analyse und Overnight vs. Intraday aktiv. Einfach den Ticker eintippen und den Score oben rechts prüfen. Die Methodik steckt im -Badge neben dem Sektion-Titel — Hover drauf, und du siehst die Formel.