Ein scheinbarer Widerspruch
Du öffnest den Jahreszyklus für SAP und siehst auf den ersten Blick zwei widersprüchliche Dinge:

Oben: Der Anomalie-Radar zeigt einen Score von 24 / 100 — Normal. Alles in Butter.
Unten: Der Saisonale Jahresverlauf zeigt, dass SAP (goldene Linie) 2026 rund 28 Prozent unter dem 11-Jahres-Schnitt liegt. Statt ~110 Punkten steht der Kurs bei ~72. Das sieht optisch wie ein Crash aus.
Wie passt das zusammen? Die Antwort ist die wichtigste Erkenntnis über den Anomalie-Radar: Er misst nicht das, was du in diesem Chart siehst.
Was der Anomalie-Radar wirklich misst
Der Radar beantwortet eine sehr spezifische Frage:
„Ist die Rendite der letzten 10 Handelstage ungewöhnlich im Vergleich zum historischen Schnitt zur gleichen Kalenderzeit?"
Drei Schlüsselwörter sind entscheidend:
- Letzte 10 Tage — nicht das ganze Jahr, nicht seit Januar, nicht der Drawdown. Nur die letzten 10 Handelstage.
- Zur gleichen Kalenderzeit — wir vergleichen April 2026 mit April 2015, April 2016, April 2017 und so weiter. Nicht mit Januar oder Juli.
- Ungewöhnlich — gemessen in Standardabweichungen (Z-Score), nicht in Prozentpunkten.
Der riesige Drawdown, den du im unteren Chart siehst, ist zum größten Teil in Januar–März 2026 passiert. Das war damals brutal — aber der Anomalie-Radar fragt nicht nach damals. Er fragt: Was ist in den letzten zwei Wochen los? Und die Antwort lautet: nichts besonders Dramatisches.
Die Rechnung im Detail
Schauen wir die Zahlen aus dem Screenshot an:
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| 10d-Rendite SAP (Ende März bis Anfang April 2026) | −0,89 % |
| Historisch Ø (Anfang April, 11 Jahre) | +2,36 % |
| Differenz | −3,25 Prozentpunkte |
| Score | 24 / 100 |
| Perzentil-Rang | 18. Perzentil |
SAP liegt in den letzten 10 Tagen 3,25 Prozentpunkte unter dem historischen Schnitt zur gleichen Kalenderzeit. Das klingt viel, ist es aber statistisch nicht — und hier kommt der Z-Score ins Spiel.
Z-Score-Berechnung (vereinfacht):
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Z = (aktuelle Rendite − historischer Schnitt) / historische Standardabweichung
`
Wenn die historische Streuung der 10d-Returns Anfang April bei SAP zum Beispiel bei ±4 Prozentpunkten liegt, dann ist eine Abweichung von 3,25 PP nur etwa 0,8 Standardabweichungen — also kein statistischer Ausreißer. Der Score skaliert den Betrag des Z-Scores mit Faktor 30 und deckelt bei 100:
`
Score = min(|Z| × 30, 100) = min(0,8 × 30, 100) = 24
`
24 heißt: keine Anomalie. Der Markt bewegt sich innerhalb des historisch normalen Rauschens.
Warum der Perzentil-Rang trotzdem interessant ist
Der Score sagt „Normal". Der Perzentil-Rang sagt 18. Perzentil. Das ist der Slider im Screenshot, der deutlich nach links zeigt — im gelben Randbereich, nicht mehr im grünen Normalbereich.
Was bedeutet 18. Perzentil?
Von allen historischen 10-Tages-Fenstern, die Anfang April bei SAP gemessen wurden, waren nur 18 Prozent schlechter als die aktuelle Rendite. 82 Prozent waren besser.
Das ist eine komplementäre Sicht zum Score:
- Der Score misst Abweichung vom Mittelwert in Standardabweichungen — „wie viele σ daneben?"
- Der Perzentil-Rang misst Position in der Verteilung — „wo stehst du im Ranking?"
Beide können unterschiedliche Signale geben. In diesem Fall:
- Score 24 = wenig Standardabweichungen daneben → nichts dramatisches
- Perzentil 18 = aber im unteren Fünftel der historischen Fälle → auffällig, nicht extrem
Diese Kombination ist genau das, was wir zeigen wollen: Der Markt läuft schwächer als normal, aber nicht so schwach, dass es ein statistischer Ausreißer wäre. Beides stimmt gleichzeitig.
Farbcodierung Perzentil-Slider:
| Perzentil | Farbe | Bedeutung |
|---|---|---|
| 20 – 80 | grün | Normal — im „mittleren Band" |
| 10 – 20 oder 80 – 90 | gold | Randbereich — auffällig |
| < 10 oder > 90 | rot | Extrem — statistisch selten |
SAP mit 18. Perzentil liegt knapp im gold-Bereich. Ein Wert von 5 oder 95 wäre rot — dann würde es wirklich krachen.
Und der riesige Drawdown im Chart?
Der Jahresverlauf-Chart zeigt einen anderen Zeithorizont und eine andere Frage:
- Anomalie-Radar: Wo stehen wir in den letzten 10 Tagen gegenüber vergleichbaren Zeiträumen?
- Saisonaler Jahresverlauf: Wie verläuft das gesamte Jahr bis heute gegenüber dem Mehrjahres-Durchschnitt seit Januar?
SAP hatte im Januar und Februar eine heftige Korrektur — die sieht man im Verlauf sofort. Im März und April hat sich der Kurs allerdings stabilisiert. Er macht jetzt wieder Tagesbewegungen, die im historisch üblichen Rahmen liegen. Der Anomalie-Radar bestätigt genau das: „Der Crash ist vorbei, die aktuelle Bewegung ist unauffällig."
Das ist eine wichtige Info! Wer den Chart sieht und denkt „der fällt weiter", wird durch den Radar daran erinnert: Die letzten zwei Wochen waren kein Crash, sondern Seitwärts-Rauschen. Mit einer moderaten Unterperformance, aber nichts Dramatisches.
Wann sollte der Score hoch sein?
Der Anomalie-Score springt auf ≥70 (Stark anomal) wenn:
- Nach einem Flash-Crash: Der Markt fällt in 10 Tagen 15 %, während historisch die gleiche Kalenderzeit im Schnitt +1 % macht. Differenz = −16 PP, bei einer typischen Standardabweichung von vielleicht 3 PP → Z-Score ≈ 5 → Score = 100.
- Bei einer Parabel-Rally: Der Markt steigt in 10 Tagen 12 %, während historisch +2 % normal wären. Differenz = +10 PP → Score = 80+.
- Bei extrem untypischer Seitwärts-Stabilität in einer historisch bewegten Periode — selten, aber möglich.
Der Score ist kein Bullish/Bearish-Signal. Er sagt nur: „Etwas Ungewöhnliches passiert, schau genauer hin." Die Richtung (nach oben oder unten) steht in den anderen Kacheln (10d-Rendite).
Score-Schwellen im Überblick
| Score | Label | Deutung |
|---|---|---|
| < 40 | Normal | Im historischen Rauschen |
| 40 – 69 | Leicht anomal | Auffällig, beobachten |
| ≥ 70 | Stark anomal | Statistischer Ausreißer, genauer hinschauen |
Wofür benutze ich den Radar konkret?
Drei praktische Use-Cases:
- Trade-Filter: Bevor du einen saisonalen Trade eingehst (z. B. Sell in May, Turn-of-Month), prüfe den Score. Bei ≥70 wartest du lieber — der Markt ist gerade in einem ungewöhnlichen Zustand, saisonale Muster könnten in dieser Woche weniger zuverlässig sein.
- Post-Mortem-Check: Nach einer heftigen Marktbewegung: War das wirklich ein Ausreißer, oder nur Alltag? Der Perzentil-Rang und der Score geben dir eine nüchterne Einordnung.
- Kontext für den Chart: Wenn dir ein Chart visuell dramatisch erscheint, prüf den Radar. Wie bei SAP hier — 28 % im Minus sieht dramatisch aus, aber die letzten Tage sind ruhig. Das ist eine andere Story.
Fazit: Zwei verschiedene Fragen, zwei verschiedene Antworten
Der Anomalie-Radar und der saisonale Jahresverlauf messen unterschiedliche Dinge:
- Jahresverlauf = wo stehst du seit Januar gegenüber dem Mehrjahres-Mittel?
- Anomalie-Radar = ist deine aktuelle 10-Tages-Bewegung statistisch ungewöhnlich?
Bei SAP im Screenshot:
- Jahresverlauf sagt: Das Jahr war schwierig (−28 % vs. Schnitt)
- Anomalie-Radar sagt: Aber aktuell ist es ruhig (−0,89 % in 10 Tagen, Score 24, 18. Perzentil)
Beides ist wahr. Beides ist nützlich. Die Kunst besteht darin, die richtige Frage zur richtigen Zeit zu stellen — und der Anomalie-Radar beantwortet eine sehr spezifische.
Wenn du selbst damit experimentieren willst: Der Radar ist auf dem Jahreszyklus, Monatszyklus, TDoM-Analyse und Overnight vs. Intraday aktiv. Einfach den Ticker eintippen und den Score oben rechts prüfen. Die Methodik steckt im ⓘ-Badge neben dem Sektion-Titel — Hover drauf, und du siehst die Formel.