Strukturelle Markt-Flows
Die mechanischen, nicht-fundamentalen Kapitalströme hinter dem Markt — wer muss kaufen oder verkaufen, unabhängig von einer Meinung über den fairen Wert. Sieben Perspektiven: Index-Rebalancing, Buyback-Blackout, ETF-Flows, CTA-Positionierung, Vol-Control-Leverage, Short-Volume sowie Vol- und Skew-Puls.
⚖️Index-Rebalancing-Kalender
An fixen Terminen zwingen Index-Fonds zu mechanischem Kauf/Verkauf, um dem neuen Index-Gewicht zu folgen. Der S&P-Quartals-Rebalance fällt auf denselben 3. Freitag (Mär/Jun/Sep/Dez) wie Triple Witching; die Russell Reconstitution ist das volumenstärkste Einzel-Event des Jahres.
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🔒Buyback-Blackout-Saison
Vor Earnings dürfen Firmen typischerweise keine eigenen Aktien zurückkaufen. Aktienrückkäufe sind ein struktureller Dauer-Bid — fällt er im Blackout weg, ist der Markt dünner. Die Kurve zeigt den Anteil des US-Kern-Marktwerts im Blackout über das Kalenderjahr (Peaks zu Beginn jeder Earnings-Saison).
🔄ETF-Flows & Sektor-Rotation
ETF-Zu- und Abflüsse (Creations/Redemptions ≈ ΔShares-Outstanding × Preis, die Marktbewegung ist herausgerechnet) zeigen, wohin Kapital rotiert — rein in einen Sektor, raus aus einem anderen. Grün = Zufluss (Creation), rot = Abfluss (Redemption).
📈CTA-Positionierung (COT-Proxy)
Systematische Trendfolger (CTAs) sind long im Aufwärts-, short im Abwärtstrend; ihr Umschalten verstärkt Bewegungen. Freie Näherung: die OI-normierte Netto-Positionierung der Leveraged Funds im E-mini-S&P-500 relativ zur eigenen 3-Jahres-Historie (Perzentil/z-Score) — plus Positionierung vs. Kurs.
🎚️Vol-Control-Leverage (Modell-Proxy)
Target-Vol- und Risk-Parity-Fonds skalieren ihr Exposure invers zur realisierten Volatilität: Vola rauf → mechanisches De-Leveraging (Verkäufe verstärken den Selloff), Vola-Beruhigung → Re-Leveraging (Bid). Implied Leverage = Ziel-Vol (15 %) / realisierte 20-Tage-Vola des S&P 500.
🌑Short-Volume-Anteil (FINRA-Proxy)
FINRA meldet täglich das konsolidierte Short-Volumen aller US-Aktien. Wir aggregieren marktweit den Anteil Short am Gesamtvolumen. Achtung: der Anteil selbst ist nicht richtungsweisend (ein Großteil ist Market-Maker-Liquidität) — aussagekräftig ist nur die Abweichung vom eigenen Schnitt.
😱Vol- & Skew-Puls (CBOE)
Der CBOE SKEW-Index misst, wie teuer der Markt Tail-Risk in OTM-S&P-Puts einpreist (höher = mehr Crash-Absicherung gekauft), der VIX die erwartete 30-Tage-Schwankung. Zusammen ein marktweiter Vol-/Skew-Puls — gratis, täglich. Kein Signal.
Methodik, Datenquellen & Grenzen
Panel A — Index-Rebalancing
Reine Kalender-Arithmetik. S&P DJI rebalanciert quartalsweise am 3. Freitag (Mär/Jun/Sep/Dez) = Triple Witching. FTSE Russell rekonstituiert einmal jährlich, wirksam nach Schluss am letzten Freitag im Juni. Die Größe der Umschichtung schätzen wir nicht.
Panel B — Buyback-Blackout
Headline = marktkap-gewichteter Anteil des US-Kern-Universums im Blackout (Bank-Desk-Standard), plus gleichgewichtete Vergleichslinie. Blackout-Fenster = Quartalsende −14 T (exakter Standard-Start) bis Ankündigung +2 T (Ende geschätzt aus Quartals-Kadenz). Marktkap. via Yahoo-Quote-Snapshot. $-Beträge sind extern zitierte Referenzen (~1 Bio $/Jahr, S&P DJI) bzw. Skalierungs-Schätzungen — Autorisierung ≠ Ausführung, und die Markt-Wirkung ist empirisch umstritten (SSGA: kein signifikanter Effekt).
Panel C — ETF-Flows
Netto-Flow ≈ ΔShares-Outstanding × Preis je ETF (rechnet die Marktbewegung heraus, anders als ΔAUM). Universum = 11 Select-Sector-SPDRs + breite Indizes/Risk-off (SPY/QQQ/IWM/TLT/GLD). Datenquelle Yahoo-Quote (Shares-Outstanding bzw. netAssets/Preis). Yahoo aktualisiert Shares-Outstanding träge und liefert keinen Verlauf → die Historie wird ab Aktivierung täglich vorwärts aufgebaut, belastbar nach ~2 Wochen. Späteres Upgrade: exaktere Issuer-CSVs.
Panel D — CTA / COT
CFTC „Traders in Financial Futures", wöchentlich, freie Socrata-API. Kernmetrik = OI-normierte Netto-Position (net % OI) der Leveraged Funds, eingeordnet als Perzentil und z-Score über 3 Jahre (Perzentil per linearer Interpolation). COT ≠ echte CTA-Position, ~3 Tage Meldeverzug. Positionierung-vs-Preis nutzt den ^GSPC-Close am jeweiligen Report-Datum. Trend-Signal = Multi-Window-SMA-Proxy, keine proprietären $-Trigger.
Panel E — Vol-Control
Modell-Proxy: Ziel-Vol (15 %) / realisierte 20-Tage-Vola (annualisiert) des S&P 500, gekappt bei 150 %. Regime-Zonen aus der realisierten Vola. Vola-Risiko-Aufschlag = VIX − realisierte Vola (negativ = akuter Stress). Der geschätzte $-Flow ist ein Szenario (Annahme ~350 Mrd $ AUM), keine Messung.
Panel F — Short-Volume
FINRA Reg-SHO konsolidiertes Tages-Short-Volumen (frei), marktweit aggregiert: Σ Short / Σ Gesamt-Volumen. Der Anteil selbst ist nicht richtungsweisend — ein Großteil ist Market-Maker-Liquidität/Hedging, kein bearischer Einsatz. Aussagekräftig ist nur die Abweichung vom eigenen 60-Tage-Schnitt (Perzentil/z-Score, lineare Interpolation). Kein DIX (proprietär), nur freier Proxy.
Panel G — Vol- & Skew-Puls
CBOE SKEW-Index (^SKEW), VIX (^VIX) und VVIX (^VVIX) — täglich, gratis via Yahoo. SKEW misst die relative Preisung von OTM-S&P-Puts (Tail-Risk), typ. 100–150; hoch = teure Crash-Absicherung. Zusätzlich ein 25-Delta-Skew je Einzelticker (Put-IV − Call-IV) aus der US-Optionskette. Rückwärtsgewandter Kontext, kein Signal.
Wissenschaftliche Einordnung
- Baltussen, Terstegge & Whelan (2024) — strukturelle Derivate-/Verfall-Effekte am S&P 500.
- Barbon & Buraschi — „Gamma Fragility": Positionierung/Hedging ↔ Momentum vs. Reversal.
- CFTC Commitments of Traders (TFF) — offizielle wöchentliche Positionierungs-Daten.
Übergreifend
Alle Panels = strukturelle, nicht-fundamentale Flows aus freien Datenquellen. Kein Kauf-/Verkaufssignal, keine Anlageberatung.
📖Begriffe & Q&A
Alle Kennzahlen, die auf dieser Seite und den Options-Seiten erscheinen — kompakt erklärt.
Options-Kennzahlen
GEX — Gamma Exposure
Market Maker haben eine aggregierte Gamma-Position, die sie durch dynamisches Kauf/Verkauf des Underlyings neutralisieren müssen (Delta-Hedging). Bei positivem GEX (Long-Gamma) kaufen Dealer Dips und verkaufen Rallys — dämpfend. Bei negativem GEX (Short-Gamma) verstärken sie Bewegungen. Der Zero-Gamma-Flip trennt die Regime.
Vanna
Vanna misst, wie sich das Delta einer Option mit der IV verändert (∂Delta/∂IV). Fällt die IV, verlieren OTM-Puts Delta — Dealer müssen ihre Hedges abbauen (Underlying verkaufen). Steigt die IV, müssen Dealer kaufen. Vanna-Flows sind prozyklisch zur IV-Bewegung.
Charm
Charm ist der zeitliche Verfall des Deltas. OTM-Optionen verlieren kurz vor Ablauf stark an Delta — Dealer passen Hedges täglich an. Die größten Charm-Flows entstehen in der Woche vor OPEX (dritter Freitag).
IV · IV Rank · IV Percentile
Implied Volatility ist die erwartete zukünftige Schwankung aus dem Optionspreis. IV Rank = Position im 52-Wochen-Bereich. IV Percentile = Anteil der Tage, an denen die IV tiefer war. Werte >70% = relativ teure Prämien.
VRP — Volatility Risk Premium
VRP = 30-Tage-IV minus realisierte Vol der letzten 21 Handelstage. Positiv: Prämien-Verkäufer werden kompensiert. Negativ: Crash-Phase, realisierte Vola übersteigt IV.
Risk Reversal / 25Δ-Net-Skew
Risk Reversal = Put-IV(25Δ) − Call-IV(25Δ). Positiv = Puts teurer (Indizes, Crash-Absicherung). Negativ = Calls teurer (bullisher Druck, Momentum-Aktien). Der Rank zeigt die historische Extremität.
Call-Skew · Put-Skew (Zeta-Methode)
Zeta misst den Skew je Seite unabhängig: Call-Zeta = (Call-IV@25Δ − ATM-IV) × 100 (positiv = bullish). Put-Zeta = (Put-IV@25Δ − ATM-IV) × 100 (positiv = Absicherungsnachfrage). Basis unseres Vol-Regime-Radars.
⚡ Extremer Skew als Flow-Indikator
Ein extremer Skew ist selbst ein Flow-Auslöser: Dealer, die viele OTM-Puts verkauft haben, sind Long Underlying als Hedge. Normalisiert sich der Skew, müssen Dealer ihre Hedges abbauen — sie verkaufen das Underlying und verstärken damit eine Rally (Vanna-Flow). Umgekehrt bei extremem Call-Skew. Die Richtung hängt davon ab, wer die Extremposition geschrieben hat.
Butterfly-Spread (Smile-Krümmung)
Butterfly = (Call-IV@25Δ + Put-IV@25Δ) / 2 − ATM-IV, ×100 (Vola-Punkte). Misst die Wölbung des Lächelns: wie viel teurer sind OTM-Optionen gegenüber ATM? Hoch = Tail-/Sprungrisiko eingepreist (z.B. vor Earnings). Tief = Markt erwartet kontinuierliche Moves.
Term Structure · Contango · Backwardation
Contango = kurzfristige IV < langfristige IV (normal). Backwardation = kurzfristige IV > langfristige IV (Stress-Regime, Panik). SeasonAlpha: Vergleich 30-Tage-IV vs. 90-Tage-IV.
Put/Call-Ratio (P/C)
P/C = offene Puts / offene Calls. Hoch = übertriebene Absicherung, oft konträr bullish. Niedrig = Call-Dominanz, kann konträr bearish sein. Equity-P/C (Einzeltitel) ist aussagekräftiger als Index-P/C.
Max Pain
Max Pain = Strike, wo Gesamtverlust aller Optionshalter am Verfallstag maximal wäre. Hypothese: Kurs driftet vor OPEX dorthin. OI-Walls zeigen Konzentrationen offener Kontrakte (potenzielle Support-/Resistance-Magnete).
0DTE — Same-Day-Optionen
0DTE-Optionen verfallen noch am selben Tag. Ihr Gamma ist extrem konzentriert — große 0DTE-Flows lösen starke Intraday-Moves aus. SPY-/SPX-0DTE = >40% des täglichen Options-Volumens. Market Maker passen Delta-Hedges mit jedem Tick an.
Strukturelle Flow-Begriffe
Dealer Positioning — Long vs. Short Gamma
Dealer in Long-Gamma: Kunden haben ihnen Optionen verkauft → Dealer kaufen Dips, verkaufen Rallys (stabilisierend). Dealer in Short-Gamma: Kunden kauften ihnen Optionen ab → Dealer verstärken Trends (destabilisierend). Der Zero-Gamma-Flip-Level trennt die Regime.
Vol-Control-Fonds
Vol-Control-Fonds halten eine Ziel-Volatilität durch Hebel-Anpassung: steigt die realisierte Vola, wird Leverage reduziert (Verkauf). Fällt sie, erhöht sich der Hebel (Kauf). Bei VIX-Spikes entsteht mechanischer Verkaufsdruck = Volatility Feedback Loop.
CTA-Positionierung
CTAs sind systemische Trendfolge-Fonds. Ein COT-Perzentil >80 (Long) oder <20 (Short) = Crowd-Indikator: wenig Kapital für weiteres Aufstocken übrig → potenzielle Trendwende bei Signaländerung. Datenbasis: CFTC-COT wöchentlich, ~3 Tage Verzug.
Buyback-Blackout
SEC Rule 10b-18 verbietet Buybacks ~14 Tage vor Earnings bis 2 Tage danach. Da Buybacks ein stabiler Kaufpuffer sind, erzeugt ein hoher Blackout-Anteil eine saisonale Schwächephase. Besonders ausgeprägt: Mitte Januar bis Mitte Februar (Q4-Earnings).