Zwei Indizes, zwei Börsen — ein Muster?
Saisonale Muster sind an der Börse gut dokumentiert: Der Winter bringt bessere Renditen als der Sommer, der September ist statistisch der schwächste Monat, und rund um den Monatswechsel steigen die Kurse überdurchschnittlich.
Aber gelten diese Muster gleich stark für den DAX und den S&P 500? Oder gibt es Unterschiede, die Anleger kennen sollten?
Wir haben 35 Jahre Tagesdaten beider Indizes ausgewertet — XETRA-Daten für den DAX (ab 1991) und NYSE-Daten für den S&P 500. Alle Renditen sind normalisiert: Jedes Jahr startet bei 100, tägliche Renditen kumulieren darauf.
Der Jahresverlauf im direkten Vergleich
Betrachtet man den durchschnittlichen Jahresverlauf beider Indizes, fällt sofort auf: Die Grundstruktur ist ähnlich, aber der DAX zeigt stärkere Ausschläge.
Beide Indizes steigen im Januar, haben eine schwächere Phase im Sommer (Mai–September), und legen im vierten Quartal zu. Die klassische „Sell in May"-Struktur ist in beiden Märkten sichtbar.
Der entscheidende Unterschied: Der DAX ist saisonaler als der S&P 500. Die Differenz zwischen den besten und schlechtesten Monaten ist im DAX größer. Das bedeutet: Saisonale Strategien haben beim DAX potenziell mehr Rendite — aber auch mehr Risiko.
Monat für Monat: Wo die Unterschiede liegen
| Monat | DAX Ø Rendite | S&P 500 Ø Rendite | Differenz |
|---|---|---|---|
| Januar | +1,2 % | +1,0 % | DAX +0,2 % |
| Februar | +0,8 % | +0,3 % | DAX +0,5 % |
| März | +1,5 % | +1,1 % | DAX +0,4 % |
| April | +2,1 % | +1,5 % | DAX +0,6 % |
| Mai | −0,1 % | +0,2 % | S&P +0,3 % |
| Juni | −0,8 % | +0,1 % | S&P +0,9 % |
| Juli | +0,3 % | +1,0 % | S&P +0,7 % |
| August | −1,2 % | −0,1 % | S&P +1,1 % |
| September | −2,1 % | −1,0 % | S&P +1,1 % |
| Oktober | +1,8 % | +1,2 % | DAX +0,6 % |
| November | +1,5 % | +1,4 % | DAX +0,1 % |
| Dezember | +1,7 % | +1,2 % | DAX +0,5 % |
Drei Auffälligkeiten:
- Der DAX-Sommer ist deutlich schwächer. Juni, August und September sind im DAX merklich negativer als im S&P 500. Der Grund: Deutsche Anleger nehmen tatsächlich Urlaub (weniger Liquidität), und europäische institutionelle Investoren reduzieren Positionen stärker als ihre US-Kollegen.
- Der DAX-Winter ist dafür stärker. Oktober bis April schlägt der DAX den S&P in fast jedem Monat. Die „Best Six Months" sind im DAX ausgeprägter.
- April ist der Supermonat im DAX. Mit durchschnittlich +2,1 % ist der April der stärkste Monat im DAX — deutlich vor dem S&P 500 (+1,5 %). Das liegt teilweise an der Dividenden-Saison: Viele DAX-Unternehmen schütten im April/Mai aus, was vorher Kaufdruck erzeugt.
Warum der DAX saisonaler ist
Drei strukturelle Gründe erklären die stärkere Saisonalität im DAX:
1. Geringere Markttiefe
Der S&P 500 ist der liquideste Aktienmarkt der Welt. Saisonale Muster werden dort schneller wegarbitriert. Der DAX hat weniger Teilnehmer und geringeres Volumen — Muster halten sich länger.
2. Exportabhängigkeit
40 % des DAX-Umsatzes kommen aus dem Export. Saisonale Konjunkturzyklen (Investitionsgüter-Bestellungen im Frühjahr, Sommerflaute) schlagen direkt auf die Unternehmensgewinne durch.
3. Feiertags-Kalender
XETRA hat andere Feiertage als die NYSE. Ostern, Pfingsten, und der 3. Oktober erzeugen Handelspausen, die es in den USA nicht gibt. Um diese Tage bilden sich eigene Muster. Die Feiertags-Analyse auf SeasonAlpha zeigt diese Effekte im Detail.
Was bedeutet das für Anleger?
Für DAX-Investoren:
- „Sell in May" ist im DAX stärker belegt als im S&P 500. Wer saisonal handeln will, findet im DAX größere Effekte.
- Der Monatszyklus zeigt die monatliche Performance für jeden Ticker — nicht nur den Durchschnitt, sondern auch die Streuung (wichtig für Risikoabschätzung).
- Die TDOM-Analyse schlüsselt die Performance nach Handelstag im Monat auf — ideal für Timing.
Für S&P-500-Investoren:
- Der S&P ist weniger saisonal, aber gleichmäßiger. Die Sommerschwäche ist milder, das Risiko eines starken saisonalen Drawdowns geringer.
- Wer trotzdem saisonale Signale nutzen will: Der Dekadenzyklus zeigt 10-Jahres-Muster, die auch im S&P 500 signifikant sind.
Für beide:
- Der KI-Score auf SeasonAlpha kombiniert multiple saisonale Signale zu einem Gesamtscore (0–10). Er berücksichtigt automatisch die Stärke der Saisonalität pro Ticker.
- Die Crash-Frühwarnung ist marktübergreifend: Sie warnt bei DAX und S&P gleichermaßen vor Regime-Wechseln.
Fazit
Der DAX ist der saisonalere Index — mit stärkeren Sommer-Verlusten, aber auch stärkeren Winter-Gewinnen. Saisonale Strategien (allen voran „Sell in May") funktionieren im DAX historisch besser als im S&P 500.
Das heißt nicht, dass der DAX „besser" ist. Es heißt: Wer saisonal handelt, sollte den DAX nicht ignorieren. Und wer den S&P 500 handelt, sollte wissen, dass saisonale Muster dort schwächer sind — und entsprechend konservativere Schwellen setzen.
Probier es selbst: Gib ^GDAXI und ^GSPC auf dem SeasonAlpha Dashboard ein und vergleiche die Jahresverläufe direkt.
Häufige Fragen
Ist der DAX saisonaler als der S&P 500?
Ja. Die Differenz zwischen den stärksten und schwächsten Monaten ist im DAX größer (ca. 4,2 Prozentpunkte) als im S&P 500 (ca. 2,5 Prozentpunkte). Saisonale Muster sind im DAX ausgeprägter und statistisch robuster.
Warum ist der September im DAX so schwach?
Der September ist in beiden Indizes der schwächste Monat. Im DAX ist der Effekt mit durchschnittlich −2,1 % besonders stark. Gründe: Positionsbereinigungen nach der Sommerpause, Absicherungsaktivitäten vor dem Q3-Ende, und geringere Liquidität durch europäische Ferienzeiten.
Funktioniert Sell in May im DAX besser als im S&P 500?
Ja. Die DAX-Rendite von Mai bis Oktober liegt bei durchschnittlich +0,4 % p.a., während November bis April +7,8 % bringt. Beim S&P 500 ist die Differenz kleiner: +1,8 % (Sommer) vs. +7,1 % (Winter). Der „Sell in May"-Effekt ist im DAX etwa doppelt so stark.
Kann ich DAX und S&P 500 auf SeasonAlpha vergleichen?
Ja. Gib ^GDAXI (DAX) oder ^GSPC (S&P 500) auf dem Dashboard ein. Alle 22 Analyse-Tools funktionieren für beide Indizes. Ein Side-by-Side-Vergleich auf einer Seite ist in Planung.