Sell in May — aber der Markt steigt?

Mitte Mai 2026 und die Börsen kennen nur eine Richtung: nach oben. Der DAX hat seit Monatsbeginn über 4 % zugelegt, der S&P 500 rund 3 %. Wer Anfang Mai verkauft hätte — wie es die berühmte „Sell in May"-Regel empfiehlt — sitzt jetzt auf der Seitenlinie und schaut zu.

Was ist passiert? Die Annäherung zwischen den USA und China im Handelsstreit hat eine breite Rally ausgelöst. Zölle wurden gesenkt, Märkte reagierten euphorisch. Saisonale Muster spielen plötzlich keine Rolle mehr — oder doch?

Was die Saisonalität eigentlich sagt

Ein verbreiteter Irrtum: „Sell in May" bedeutet nicht, dass der Mai immer fällt. Die Statistik zeigt lediglich, dass die Monate Mai bis Oktober im Durchschnitt deutlich schwächer sind als November bis April.

Konkret für den S&P 500 über 130 Jahre:

ZeitraumØ Rendite p.a.Anteil positive Jahre
Nov – Apr+7,1 %72 %
Mai – Okt+1,8 %61 %

Der Mai selbst ist dabei gar nicht der schwächste Monat — das sind September und Juni. Der Mai endet in rund 58 % der Jahre im Plus. 2026 gehört bisher eindeutig dazu.

Warum 2026 aus dem Muster fällt

Saisonale Muster sind Durchschnitte über Jahrzehnte. Sie beschreiben eine Tendenz, kein Naturgesetz. Es gibt drei typische Gründe, warum einzelne Jahre stark abweichen:

  1. Exogene Schocks — Ein Handelsabkommen, eine Zinssenkung oder ein geopolitisches Ereignis kann saisonale Schwäche jederzeit übersteuern. Genau das sehen wir jetzt.
  1. Positionierung — Wenn zu viele Anleger „Sell in May" spielen, entsteht Anfang Mai Verkaufsdruck. Sobald dieser abgebaut ist, folgt die Gegenbewegung.
  1. Makro-Regime — In Phasen steigender Unternehmensgewinne und sinkender Zinsen gewinnt der Trend über die Saisonalität.

Der Anomalie-Radar auf SeasonAlpha zeigt das messbar: Die aktuelle Dekade weicht signifikant vom historischen Pfad ab — die Z-Scores der letzten 10 Handelstage liegen deutlich über dem Erwartungswert.

DAX: Stärkste Mai-Hälfte seit Jahren

Der DAX profitiert besonders. Die deutsche Exportindustrie reagiert direkt auf Handelsabkommen, und die Bewertung europäischer Aktien war im Vergleich zu US-Titeln günstig.

Historisch betrachtet ist eine solche Mai-Stärke im DAX selten, aber nicht beispiellos. In den Jahren 2003, 2009 und 2020 — allesamt Recovery-Phasen nach Krisen — legte der DAX im Mai ähnlich stark zu. Gemeinsam ist diesen Jahren: Der Markt hatte zuvor deutlich korrigiert und die Nachrichtenlage drehte abrupt ins Positive.

Wer sich den saisonalen Jahreszyklus für den DAX auf SeasonAlpha ansieht, erkennt die Abweichung sofort: Die rote Linie (2026) hat sich ab Anfang Mai vom blauen Durchschnittspfad gelöst und nach oben entfernt.

Was sagen die Daten für den Rest des Sommers?

Hier wird es spannend — denn die Saisonalität hat trotz der aktuellen Abweichung eine wichtige Botschaft:

Auch starke Mai-Monate schützen nicht vor einem schwachen Juni–August. Wir haben alle Jahre gefiltert, in denen der S&P 500 die erste Mai-Hälfte mit +2 % oder mehr beendet hat. Das Ergebnis:

Das heißt nicht, dass der Markt sicher fällt. Es heißt: Euphorie nach einem starken Mai-Start ist historisch häufig die Vorstufe zu einer Konsolidierung.

Praxis-Fazit: Was Anleger jetzt tun können

„Sell in May" blind zu folgen war 2026 bisher falsch. Aber die Strategie als widerlegt abzuschreiben wäre ebenso voreilig.

Drei konkrete Schritte:

Häufige Fragen

Funktioniert Sell in May 2026 noch?

Zur Halbzeit des Mai 2026: Nein, der Effekt zeigt sich nicht. DAX und S&P 500 steigen kräftig. Das widerspricht aber nicht der langfristigen Statistik — einzelne starke Jahre sind normal. Entscheidend wird der Zeitraum Juni bis Oktober.

Warum steigen die Börsen im Mai 2026?

Haupttreiber ist die Annäherung im US-chinesischen Handelskonflikt. Sinkende Zölle verbessern die Gewinnaussichten global agierender Unternehmen und lösten eine breite Rally aus, die saisonale Muster überlagert.

Soll ich jetzt noch einsteigen oder abwarten?

Das kann und darf keine Anlageberatung sein. Historisch zeigt sich: Starke erste Mai-Hälften führten in 64 % der Fälle zu schwächeren Juni-Monaten. Wer auf Daten-basiert handelt, beobachtet die Indikatoren auf SeasonAlpha und reagiert auf Signale statt auf Bauchgefühl.

Gilt Sell in May auch für den DAX?

Ja — der Effekt ist im DAX sogar stärker ausgeprägt als im S&P 500. Die durchschnittliche Mai-Oktober-Rendite im DAX liegt bei nur +0,4 % p.a. gegenüber +7,8 % in den Wintermonaten (XETRA-Daten, 35 Jahre).